,Der Theologe Hans Zollner über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche

den Umgang mit den Opfern und wirksame Gegenmaßnahmen

 

Die Fragen stellte die IPG-Redaktion

In den letzten Monaten wurden viele Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche öffentlich bekannt und es scheinen unaufhaltsam weitere ans Licht zu kommen. Haben Sie das Gefühl, mittlerweile den Umfang des Missbrauchs ungefähr greifen zu können?

Wir werden uns diesem Problem als katholische Kirche noch jahrelang stellen müssen, sowohl in Deutschland als auch weltweit. Das Paradoxe dabei ist: Es werden Verbrechen bekannt, die hauptsächlich – in der großen Mehrzahl – vor 20 bis 70 Jahren geschehen sind und die nach deutschem Strafrecht längst verjährt sind. Das Zweite ist, dass sich die deutsche katholische Kirche de facto für einen Weg ohne einheitliche Standards, einheitliche Zeitlinien und ohne einheitliche Kommunikationsstrategie entschieden hat. Im Grunde hat jeder Bischof das gemacht, was er für richtig hielt. Ich glaube, es ist sehr offensichtlich, dass es eine massive Vertrauenskrise der Kirche und ihren Institutionen gegenüber gibt. Das ist absolut verständlich und nachvollziehbar. Die Kirche ist als verlässlicher Orientierungspunkt und Kooperationspartner zumindest sehr beschädigt.

Geschehen neue Verbrechen nicht mehr in dem Umfang, wie man es in der Vergangenheit beobachtet hat?

Das Bild ist insgesamt eindeutig: Dort, wo in der Öffentlichkeit über das Thema gesprochen wird, wo Betroffene über ihre leidvollen Erfahrungen berichten, wo die Kirche dazu genötigt wurde, Präventionsmaßnahmen flächendeckend aufzusetzen, gingen die Zahlen von Neuanschuldigungen ganz massiv zurück. Unterschieden werden muss zwischen Anschuldigungen und Verurteilungen. Letztere sind auch in vielen Fällen gar nicht mehr möglich, weil der Angeschuldigte längst tot oder die Verjährungsfrist abgelaufen ist. Diese Missbräuche werden leider nie aufgeklärt werden können.

Gleichzeitig muss man dazusagen, dass die Zahlen, von denen wir wissen, vermutlich nur ein kleiner Teil der Realität sind. Bei allem, was Kirche und Gesellschaft tun können, um Missbrauch zu verhindern, bei aller Gesetzesstrenge, bei allem Investieren in polizeiliche Maßnahmen, bei allen Präventionsmaßnahmen wird es uns als Menschheit nicht gelingen, sexuelle Gewalt jemals komplett zu vermeiden. Ich halte die Annahme, dass man zu einer absolut gewaltfreien Gesellschaft – oder Kirche – kommen könnte, für sehr gefährlich, weil sexuelle Gewalt ein Menschheitsthema in allen Kulturen und in allen Erdteilen seit jeher darstellt. Das ist eine ganz schwierige Wirklichkeit, der wir uns stellen müssen.

Sie fordern immer wieder, dass die Kirche auch zu härteren Sanktionen greift. Man hat den Eindruck, die Kirche tut sich derzeit damit noch etwas schwer. Wie kann eine konsequente Verfolgung dieser Taten aussehen in Fällen, in denen die Schuldigen noch leben?

Die offizielle kirchliche Position ist klar. Dort, wo es strafrechtliche Möglichkeiten für den Staat gibt, muss dieser vorbehaltslos eingeschaltet werden. Es ist für viele Betroffene oft sehr schmerzhaft, sich einem Verfahren zu unterwerfen, das nach juristischen Regeln abläuft. Eine rein rechtliche Betrachtung wird sehr oft weder für die persönliche Genugtuung noch für die innere Versöhnung reichen. Die Verantwortlichen müssen benannt werden, und zwar unabhängig von einer Verurteilung. Weil es Gesichter braucht, um eine Auseinandersetzung mit dem Täter und mit der den Täter deckenden Institution zu haben. Was die Konsequenzen anbelangt, ist das oft nicht so leicht. Derzeit ist kaum etwas unter dem Niveau eines Rücktritts irgendwie glaubwürdig. Wobei ich auch glaube, dass ein Rücktritt an sich nicht unbedingt das Problem löst, da es auch ein Rausstehlen aus der Verantwortung sein kann. Aber als Zeichen ist es, auch im politischen, öffentlichen Raum, notwendig.

Jenseits der strafrechtlichen Verfolgungen: Was kann die Kirche als Zeichen setzen?

Das ist für mich eine der traurigsten Erkenntnisse der letzten Jahre: Dass wir in dem Bereich, in dem die Kirche spezifisch etwas leisten könnte, kaum etwas angeboten haben. Für mich ist das erste Zeichen: Anhören. Zum Beispiel in Bezug auf die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen im Kontext der persönlichen Aufarbeitung: Gehe ich in ein Gebäude dieser Institution, in der ich missbraucht worden bin, oder treffen wir uns auf einem neutralen Grund? Ist es eine kirchliche Mitarbeiterin, die mich anhört, oder ist es eine externe Kraft? Einige können so jemanden mit dieser Verantwortung nicht mehr erdulden, und andere wollen genau das, um auch den Eindruck zu haben: Die Institution hat sich gestellt.

Die Verantwortlichen müssen benannt werden, und zwar unabhängig von einer Verurteilung.

Das Zweite: Die Erörterung. Wie Betroffene aktiv in kirchliche Abläufe eingebunden werden können,  ohne einfach an der Seite zu stehen, sondern dass ihre Stimme gehört, ihr Leid erkannt wird und dass ihre Erfahrung mit einfließt, und zwar nicht nur, wenn es um spezifische Präventionsmaßnahmen geht, sondern auch wenn es um strukturelle Fragen geht, weil jedenfalls ein Teil der Betroffenen sehr gut beschreiben kann, was an institutionellen und systemischen Haken existiert, wo Missbrauch begünstigt oder ein missbräuchliches Klima geschaffen wird.

Drittens – und das ist wirklich fast ein Totalausfall – die spirituelle Seite, und zwar in der Analyse dessen, was Missbrauch durch kirchliche Angestellte auslöst und in dem, was Betroffene später an spirituellen Angeboten benötigen. Wenn ein Kleriker oder eine Ordensfrau missbraucht, dann heißt das in der Folge, dass damit auch der Glaube angezweifelt wird oder ganzheitlich verloren geht. Das zu verstehen, darauf einzugehen und die Stimme der Betroffenen zu hören und sie auch zu befragen: Was erwartet ihr euch denn eigentlich auch im spirituellen Bereich? Das müsste die Kirche tatsächlich deutlich forcieren und deutlich konkreter machen. Deshalb ist es uns an unserem Safeguarding-Institut ein Anliegen, zusammen mit der „Spes et Salus“-Stiftung genau dies zu erforschen. Diese Stiftung hat Kardinal Marx ja dazu ins Leben gerufen, unsere Forschungsvorhaben in diesem Bereich zu unterstützen.

Was können die Kirchen dafür tun, dass sie für die Menschen wieder ein attraktiver Ort werden?

Erstens, alles, was an Fehlern und Verbrechen geschehen ist, eingestehen – vorbehaltlos. Zweitens, die bereits stattfindende Analyse in die Tat umsetzen. Wir wissen, welche Muster herrschen und an welchen Stellen anzusetzen ist, sodass sie den heutigen Standards von Transparenz, Verantwortlichkeit und Rechenschaftspflicht tatsächlich entsprechen. Das betrifft zum Beispiel die Personalauswahl, die Personalführung und die Personalfortbildung. Die administrativen und institutionellen Abläufe müssen entsprechend verändert werden. Es betrifft auch das Prinzip der Gewaltenteilung. Ein Bischof darf zum Beispiel nicht gleichzeitig Richter, Gesetzgeber und Polizist sein. Das muss zu einem gewissen Grad aufgeteilt werden, damit es keine institutionelle und persönliche Überforderung mit sich bringt. Wir müssen das machen, was wir vorgeben zu tun und damit auch anerkennen, dass wir nicht so perfekt sind, wie wir das nach außen hin lange stark präsentiert haben. Ich sehe den Weg für die Kirche als einen der großen Nüchternheit und des entschiedenen Abgebens von Einfluss und von Macht.

Sind diese Missbrauchsskandale etwas, was sich hauptsächlich in der katholischen Kirche ereignet hat, oder sehen Sie ein bestimmtes Muster über die verschiedenen Glaubensgemeinschaften hinweg?

Wir wissen über die katholische Kirche mehr als über jede andere Glaubensgemeinschaft, weil sie im besonderen Fokus steht. Von den wenigen Untersuchungen, die es zu protestantischen Kirchen und anderen Glaubensgemeinschaften gibt, ist es überall dasselbe: Niemand kann mit Fug und Recht behaupten, dass ein großer statistischer Unterschied – zum Beispiel im Blick auf Missbrauch der katholischen Kleriker, die zölibatär leben – besteht, verglichen mit protestantischen Pastoren, schlicht weil es die erforderlichen Studien zu Vergleichsgruppen nicht gibt.

Sexuelle Gewalt wird von den allermeisten Betroffenen zunächst als Missbrauch der Macht erlebt und überall sind die Mechanismen der Vertuschung und der Verleugnung die gleichen. Bei den Vertretern von Religionen kommt dazu, dass der Missbrauch aufgeladen ist mit geistlicher Macht, die für viele das absolut Höchste ist und dann natürlich der Missbrauch nochmal psychisch eine gravierendere Folge haben kann. Aber auch bei anderen Institutionen wie dem Militär, Banken, Medien, in der Politik und auch im Filmbusiness sind die Mechanismen die gleichen. So hat die BBC ihren bekannten pädophilen Star Jimmy Savile gedeckt bis zu seinem Lebensende. Es gibt also Spezifika, aber die Grundmuster sind überall dieselben.

Hans Zollner
Hans Zollner

Der Psychologe und Theologe Hans Zollner ist Präsident des Centre for Child Protection an der Päpstlichen Universität Gregoriana und Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission.

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