Es mag trivial klingen, ist es in dieser Debatte aber offenbar nicht. Auch Menschen palästinensischer Herkunft haben ihre eigene Geschichte, ihre Perspektive. Weil viele von ihnen dem israelischen Staat buchstäblich weichen mussten, dürfen sie auch antizionistisch sein und Ressentiments gegen Israel haben. Ziel der deutschen Mehrheitsgesellschaft sollte es nicht sein, Palästinenser wegen angeborener Radikalität zu diffamieren und auszugrenzen. Vielmehr sollte sie mit guten Argumenten dafür werben, verhärtete Positionen aufzugeben und die Realität des Staates Israel anzuerkennen. Man nennt es auch Dialog.

Nemi El-Hassan ist zum Glück keine Alchemistin, sondern eine Naturwissenschaftlerin, die gerade eine Reportage über E-Autos gedreht hat. Wie alle jungen Menschen hat sie ein Recht auf Entwicklung der Persönlichkeit. Sie hat das Recht, Wege auszuprobieren, naiv zu sein und sich zu irren. Alles deutet daraufhin, dass sie ihre Bildschirmpräsenz nicht dazu missbrauchen wird, eine Kalaschnikow unterm Studiopult hervorzukramen und eine kriegerische Deutung des Dschihad in ihre Moderationen einzuflechten.

Deradikalisierung ist in Deutschland ein politisches Ziel

"Ziel von Deradikalisierungsarbeit ist es, dass Menschen sich nachhaltig von extremistisch orientiertem Denken und Handeln distanzieren," schreibt das Bundesinnenministerium. Bund und Länder geben jedes Jahr Millionen aus, um gewaltbereite Islamisten und Neonazis auf den Weg der Tugend zu führen. Deradikalisierung ist in Deutschland ein politisches Ziel. Nemi El-Hassan brauchte keine staatlich beauftragten Psychologen, Sozialarbeiter oder Anti-Gewalt-Trainer. Sie hat aus eigener Kraft dazugelernt und sich verbessert. Sollte sie jemals wirklich "radikal" gewesen sein, hat sie sich deradikalisiert.

Ihre Gegner vermuten ein Täuschungsmanöver. Ihr Kopftuch etwa habe die Journalistin nur zum Schein abgelegt. So wolle sie von ihrem radikalen Islamismus ablenken. Womöglich haben die Treiber der Kampagne zu viele Romane von Tagesschausprecher Constantin Schreiber gelesen.

"Manchen werden Fehler zugestanden," sagt Nemi El-Hassan im Gespräch mit Qantara.de. "Aber es gibt Leute wie mich, denen keine Fehler zugestanden werden. Da herrschen zweierlei Maß."

"Bild" hat aufgedeckt, dass es Palästinenser gibt. Insofern hat die Enthüllung etwas Lehrreiches. Gut ist auch, wenn Jugendliche mit Einwanderungsgeschichte nun davon abgehalten werden, auf die falschen Demos zu gehen. Auch im Herzen der Anti-El-Hassan-Kampagne scheint es gewisse Lernfortschritte zu geben. Er finde, die Journalistin habe sich "klar und glaubwürdig entschuldigt," twitterte Alan Posener von der "Welt", der vornehmen Schwester der "Bild". "Nun soll es gut sein. Sie sollte ´Quarks´ moderieren."

Bleibt also abzuwarten, was die "Prüfung" des WDR ergeben wird. Wenn die Anstaltchefs sich sorgfältig umschauen, werden sie feststellen, dass es migrantische Nachwuchskräfte gibt, die peinlich darauf achten, nicht anzuecken und nicht aufzufallen. Leute, die die Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft antizipieren und jegliche mitgeschleppte Identitäten verstecken. Solcher Charaktere gibt es schon zu viele in dieser Gesellschaft. Wir brauchen mehr Persönlichkeiten wie Nemi El-Hassan. Es wäre fatal, wenn die Kampagne gegen sie Erfolg hätte.

Stefan Buchen

© Qantara.de 2021

Der Autor arbeitet als Fernsehjournalist für das ARD-Politikmagazin Panorama. Er studierte Arabische Sprache und Literatur an der Universität Tel Aviv.