Das am 13. August 2020 von US-Präsident Donald Trump verkündete Abraham-Abkommen normalisiert die Beziehungen zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Israel. Seine Unterzeichnung wurde auf der ganzen Welt als historischer Moment angesehen. Im Iran wurde das Abkommen als ernsthafte Bedrohung eingestuft. In bemerkenswerter Einigkeit verurteilten Verantwortliche aus verschiedenen Teilen des politischen Establishments das Abkommen und warnten vor seinen Konsequenzen. Es war ein Signal dafür, dass eine Änderung der iranischen Strategie unvermeidbar war und bevorstand.

Am Tag nach der Unterzeichnung des Abkommens verurteilte das iranische Außenministerium den Pakt als „strategische Idiotie“ und als „einen Schlag der VAE ins Gesicht des palästinensischen Volkes“. Einen Tag später gab die iranische Revolutionsgarde eine feurige Erklärung ab, in der sie die Normalisierung der Beziehungen als „historische Idiotie“ bezeichnete, die der Führung der VAE eine „gefährliche Zukunft“ bescheren werde. Am gleichen Tag meldete sich auch der iranische Präsident Hassan Rouhani mit einer Schmährede zu Wort: Er bezeichnete das Abkommen als „Verrat“ und warnte, dass die Emiratis „künftig anders behandelt würden, wenn sie Israel erlauben sollten, in der Region Fuß zu fassen“. (Als Reaktion darauf riefen die VAE iranische Offizielle in Abu Dhabi zusammen, um gegen Rouhanis „bedrohliche“ und „Spannungen auslösende“ Äußerungen zu protestieren.)

Am 16. August schloss sich diesem Chor der Stabschef der Streitkräfte, Mohammad Bagheri, mit der scharfen Warnung an, die Politik Irans gegenüber den Vereinigten Arabischen Emiraten werde sich „grundlegend ändern“ und die Streitkräfte der Islamischen Republik würden das Land künftig „mit einem anderen Kalkül betrachten“. Der oberste iranische Militärführer sagte: „Wenn am Persischen Golf etwas passiert und die nationale Sicherheit der Islamischen Republik Iran verletzt wird, so geringfügig auch immer, werden wir die VAE zur Verantwortung ziehen und dies nicht tolerieren.“ Die Reihe hochkarätiger Verurteilungen wurde durch Ali Khameneis Tirade am 1. September 2020 komplettiert. Der „Oberste Führer“ stellte den Pakt als einen Versuch der Emirate dar, „nicht nur die Palästinenserfrage vergessen zu machen, sondern es zudem Israel zu ermöglichen, in der Region Fuß zu fassen“.

Seit der Revolution 1979, aus der die Islamische Republik hervorging, hat der arabisch-israelische Konflikt um Palästina das revolutionäre iranische Establishment mit politischer Munition versorgt.

„Die Vereinigten Arabischen Emirate haben die islamische Welt verraten, sie haben arabische Nationen und Länder der Region verraten, und sie haben auch Palästina verraten“, wetterte Khamenei in seiner Rede, die er einen Tag nach dem ersten Flug von Israel durch den saudischen Luftraum in die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate Abu Dhabi hielt. An Bord des Flugzeugs waren führende Vertreter der USA und Israels, darunter der hochrangige Berater des Weißen Hauses, Jared Kushner, den Khamenei in seiner Ansprache als „diesen Juden in der Familie Trump“ bezeichnete. „[Aber] natürlich wird dieser Verrat nicht lange Bestand haben“, versprach der Oberste Führer Irans.

Wieso ist Iran über die Annäherung zwischen den Emiraten und Israel so tief besorgt? Der Schlüssel zum Verständnis der Situation lautet, dass hier ein israelischer „Standort“ in der unmittelbaren Nachbarschaft Irans entstehen könnte. Seit der Revolution 1979, aus der die Islamische Republik hervorging, hat der arabisch-israelische Konflikt um Palästina das revolutionäre iranische Establishment mit politischer Munition versorgt für eine ideologische Kampagne gegen den „Krebstumor“ Israel und die „globale Arroganz“ des mit ihm verbündeten „Großen Satans“.

Viel wichtiger für die nationale Sicherheit des Iran ist jedoch, dass die Feindschaft oder Entfremdung zwischen Arabern und Israel als natürliches geopolitisches Bollwerk fungiert, das iranische Kerninteressen vor feindseligen israelisch-amerikanischen Aktionen schützt – in einer Region, in der im Allgemeinen viele Rivalitäten existieren. Genauer gesagt hat sich Teheran lange auf die arabisch-israelische Feindschaft als organischen Sicherheitspuffer verlassen. Iran tat dies nicht nur, um zu verhindern, dass sich der Erzfeind Israel in der geografischen Umgebung Irans festsetzt, sondern auch, um seine eigene Politik der „strategischen Tiefe“ im gesamten Nahen Osten voranzubringen, und das mit großem Nutzen und hoher Wirksamkeit.

Iran hat seinen westlichen und südlichen Flanken in der Vergangenheit eine viel größere strategische Bedeutung beigemessen als den nördlichen Nachbarn, die in Teheran gemeinhin in erster Linie als Russlands Hinterhof angesehen werden.

In der iranischen Sicherheitsliteratur wird strategische „Tiefe“ (omgh) häufig auch als „Backup“ oder „Stützpfeiler“ (aghabeh) bezeichnet. Der Begriff bezieht sich auf die Fähigkeit, im Falle eines Konflikts den Kampf so nah wie möglich am feindlichen Territorium austragen zu können. Nun droht die Normalisierung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel den natürlichen Puffer Irans gegenüber Israel zu zerstören. Denn vereinbart wurden unter anderem eine systematische Sicherheitskooperation und der Austausch von Informationen über gemeinsame Gegner.

Teheran hatte zuvor seine Entschlossenheit gezeigt, diesen Puffer zu schützen. Im September 2017 stellten sich die Revolutionsgarden aktiv hinter die irakische Regierung unter dem damaligen Premierminister Haider al-Abadi, um das Unabhängigkeitsstreben der Regionalregierung Kurdistans zu vereiteln, nachdem ein lokales Referendum den Befürwortern eines unabhängigen kurdischen Staates eine Mehrheit beschert hatte. Zu diesem Zeitpunkt drohte Generalmajor Qasem Soleimani, der damalige Befehlshaber der Al-Quds-Einheit der Revolutionsgarden, wiederholt damit, vom Iran unterstützte paramilitärische Streitkräfte an der Seite von irakischen Regierungstruppen in die Ölstadt Kirkuk zu entsenden, sollten sich die kurdischen Kämpfer nicht zurückziehen. Ein Hauptmotiv für Teherans heftigen Widerstand gegen das Unabhängigkeitsreferendum war die Befürchtung, dass Israel, das diese Initiative unterstützte, im Nordirak Fuß fassen würde.

Wahrscheinlich wird die neue arabisch-israelische Allianz Iran anfälliger machen für Versuche seiner Gegner, Druck auszuüben. Das gleiche gilt für Operationen von Sicherheits- und Geheimdiensten. Irans Verwundbarkeit wurde im Februar 2018 deutlich sichtbar. In der iranischen Geheimdienst-Community kursieren bemerkenswerte Spekulationen, wonach ein Team von Mossad-Agenten mehr als eine halbe Tonne streng geheimer Nukleardokumente aus einem finsteren Bezirk in Teheran entwendete, die Beute über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan (einem wichtigen israelischen Verbündeten) transportierte und das Material schließlich nach Tel Aviv flog. Iran hat seinen westlichen und südlichen Flanken in der Vergangenheit eine viel größere strategische Bedeutung beigemessen als den nördlichen Nachbarn, die in Teheran gemeinhin in erster Linie als Russlands Hinterhof angesehen werden. Die arabisch-israelische Zusammenarbeit, unterstützt von den Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump, wird diese Schwachpunkte weiter aufdecken.

Der diplomatische Durchbruch zwischen den VAE und Israel wird dazu führen, dass Teheran in seiner Nachbarschaft aggressiver und mit deutlich weniger Zurückhaltung agiert.

Diese Risse im regionalen Sicherheitspuffer Irans haben jedoch nicht nur derartige Nacht-und-Nebel-Aktionen ermöglicht. Sie haben auch dazu geführt, dass Trumps Politik des „maximalen Drucks“ gegenüber Teheran effektiver und schmerzhafter waren als die Sanktionsoffensive seines Vorgängers. Ziel ist es, die iranische Wirtschaft zu ersticken. Die verstärkte arabische Zusammenarbeit mit Israel und den Vereinigten Staaten hat den USA geholfen, geheime Finanzkanäle zu blockieren und Ventile abzudichten, die von iranischen Behörden und Institutionen traditionell genutzt werden, um die amerikanischen Sanktionen zu umgehen.

Das entstehende arabisch-israelische Bündnis, für das die Normalisierung der Beziehungen zwischen den Emiraten und Israel beispielhaft ist, wirkt sich auch negativ auf das bisher üblicherweise erfolgreiche Streben Irans nach „strategischer Tiefe“ im Nahen Osten aus. Türkischen Medien zufolge (die Türkei ist ein großer Rivale der Vereinigten Arabischen Emirate und lehnt dessen Annäherung an Israel ab) bieten die Emiratis Israel die einmalige Gelegenheit, auf der von den VAE kontrollierten Insel Sokotra südlich des Jemen „Spionagestützpunkte“ zu errichten.

Dass die Vereinigten Arabischen Emirate das sicherheitspolitische Engagement Israels im Golf von Aden erleichtert, könnte langjährige unterschwellige Spannungen in der Region anheizen, sogar wenn der Jemen-Krieg irgendwann beendet ist (die mit dem Iran verbündete Houthi-Rebellen stehen Streitkräften gegenüber, die von Saudi-Arabien unterstützt werden). Eine ähnlich verdeckte iranisch-israelische Feindschaft war bereits in Teilen Afrikas zu sehen: Arabische Partner geben Israel gegenüber Iran traditionell den Vorzug.

Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass eine umfassende Öffnung gegenüber den arabischen Staaten der Region, nicht zuletzt gegenüber dem von Saudi-Arabien angeführten Block, in Teheran parteiübergreifend unterstützt wird. Hingegen wären Verhandlungen mit Washington für iranische Anführer angesichts des demütigenden Drucks der Wirtschaftssanktionen und der Ermordung von Kommandeur Qasem Soleimani durch die USA schwer zu erklären und kaum zu verkaufen. Fazit: Der diplomatische Durchbruch zwischen den VAE und Israel wird Teherans Eindruck, strategisch eingekreist zu sein, wohl verschärfen und dazu führen, dass Teheran in seiner Nachbarschaft aggressiver und mit deutlich weniger Zurückhaltung agiert. Das ist es vielleicht, was der iranische Stabschef Mohammad Bagheri mit einem „anderen Kalkül“ meinte. Es sei denn, es wird eine Strategie entwickelt, die einen gesichtswahrenden Ausweg ermöglicht, um den permanenten Konfrontationszyklus zu durchbrechen.

Aus dem Englischen von Michael Miebach.

(c) Foreign Policy 2020