Seit geraumer Zeit wird in Deutschland debattiert, wie die Zukunft der Arbeit aussehen könnte. Erstaunlicherweise stehen dabei Fragen, wie Wohlfahrtstaaten in der zunehmend durch Technologie aufgeladenen, globalen Ökonomie auch in der Zukunft Wohlstand, Teilhabe und soziale .Gerechtigkeit für eine breite Masse der Gesellschaft garantieren können, nicht im Zentrum der derzeitigen Diskussionen

 

Von Christoph P. Mohr

Politische Konsequenzen aus den Lehren des hyperglobalisierten Kapitalismus und der damit verbundenen Einführung neuer Technologien sind allerdings keinesfalls verfrüht, sondern überfällig, denn sicher ist: Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Digitalisierung im derzeitigen System keine Arbeitsplätze kosten wird.

Bereits Karl Polanyi zeigte in seinem Buch „The Great Transformation“ die Verfehlungen der Utopie des selbstregulierenden Marktes auf. Polanyi argumentierte, dass die Loslösung von Märkten und sozialen Institutionen sowie dem Staat eine Kommodifizierung von Boden, Arbeit und Geld benötige – was zur Destabilisierung der Gesellschaft und somit zu einer Gefahr für all ihre Mitglieder führen würde. Der Neoliberalismus, als Reinform dieser Logik, hat in der Folge sein Versprechen des adäquaten Wachstums, neuer Geschäftsmöglichkeiten und der starken Reduktion von Arbeitslosigkeit nur beschränkt eingehalten. Zu großen Teilen hat er stattdessen zu Arbeits- und Wohlstandsverlust von Arbeitern geführt.

Technologischer Wandel führte zu Disruption in jenen Bereichen, in denen die Globalisierung Chancen und Möglichkeiten hätte erzeugen sollen.

Dani Rodrik hat recht, wenn er darauf hinweist, dass „Politiker die Globalisierung als für alle Menschen von Vorteil und unvermeidbar dargestellt“ haben. Die Hauptprofiteure der nach 1990 geschaffenen Regeln der Globalisierung waren jedoch multinationale Unternehmen und Eliten. Nicht wenige Wirtschaftsstandorte haben dadurch Arbeitsplätze verloren, dass örtliche Industrien in der globalisierten Ökonomie schlicht nicht mehr konkurrenzfähig waren. Multinationale Firmen und ihre politischen Helfer nutzten die Rhetorik der vermeintlichen Vorteile des Marktfundamentalismus, um die Profitabilität ihrer Unternehmen auf dem Rücken von Arbeitern auszubauen. Joseph Stiglitz schreibt dazu: „In diesem neuen Zeitalter wurde Arbeit zur Ware – Arbeiter anzustellen, ist nun wie Kohle zu kaufen: man sucht die günstigste Quelle. Die Konsequenzen waren egal.“

Die fortschreitende Globalisierung hat den globalen Siegeszug des entgrenzten Kapitalismus befördert und die Welt verändert. Sie wurde zum Schlagwort für weltweite Migration, den globalen Austausch von Wissen, Handel und Kapital sowie die Verlegung von Produktion- und Wertschöpfungsketten nach Übersee. Größere Internationalität durch fortschreitende Globalisierung führte nicht nur zu mehr Absatzmärkten, sondern auch zu globaler Konkurrenz und somit dem Bedarf, Investitionen in Zukunftstechnologien zu tätigen. Aus Globalisierung wurde immer mehr auch die Digitalisierung. Neue Technologien werden maßgeblich von der Privatwirtschaft entwickelt und stehen im Zentrum der Forderungen nach Produktivitätssteigerungen – Firmen, die diese nutzen, sind häufig effizienter und somit profitabler. Befürchtungen, dass Vollzeitbeschäftigung und menschenwürdige Arbeitsplätze durch automatisierte Massenproduktion, Dienstleistungsplattformen und Zeit- oder Leiharbeit verdrängt werden, sind für viele Arbeiter bereits Realität geworden – sie wurden auf dem Altar der Konkurrenzfähigkeit geopfert. Technologischer Wandel führte zu Disruption in jenen Bereichen, in denen die Globalisierung Chancen und Möglichkeiten hätte erzeugen sollen.

Es gibt derzeit wenig Grund daran zu zweifeln, dass dieser rasante strukturelle Wandel von Wirtschafts- und Industrieprozessen sowie der Gesellschaften nicht auch in der Zukunft fortgesetzt werden wird. Denn die Arenen des technischen Wettbewerbs von heute – von 3D Druck, Augmented Reality, Big Data, Bio-Printing, Cloud Computing, bis zum Internet der Dinge, Blockchain oder Künstliche Intelligenz – garantieren das Geschäft von morgen. Sicher, niemand kann mit absoluter Sicherheit beantworten, wann, welche und wie viele Arbeitsplätze durch neue Technologien bedroht sein werden oder welche konkreten gesellschaftlichen Auswirkungen sie haben werden. Einen großen Umbruch bedeuten sie in jedem Fall, da sie bestimmte Gruppen von Arbeitskräften begünstigen und die Beschäftigungsfähigkeit anderer Gruppen verringern.

Im Allgemeinen scheint es einen Konsens zu geben, dass Menschen in repetitiven Arbeitsplätzen ihre Stellen schneller verlieren könnten als jene, die eher abstraktes und kreatives Denken als Grundbedingung haben. Insbesondere Geringqualifizierte, die bereits einen erheblichen Teil der Anpassungskosten durch technische Innovation tragen mussten, werden auch in der Zukunft betroffen sein: Die Anzahl der verfügbaren Arbeitsplätze, die nur geringe Qualifikationen erfordern, sinkt. Auch das Risiko einer Verlagerung der Arbeitsplätze von Geringqualifizierten ist höher.

Die Digitalisierung verändert aber nicht nur Arbeitsvolumen und Nachfrage nach verschiedenen Qualifikationsstufen, sondern auch die Arbeitsorganisation.

Die Digitalisierung verändert aber nicht nur Arbeitsvolumen und Nachfrage nach verschiedenen Qualifikationsstufen, sondern auch die Arbeitsorganisation: Verschiedene Aufgaben werden zunehmend über das Internet ausgelagert. Der Anteil der außerhalb des Unternehmens ausgeführten Aufgaben und der Anteil der Selbstständigen (Plattformarbeiter), die projektbezogen für verschiedene Kundenbetreuungen arbeiten, nehmen zu. Als Konsequenz werden Firmen schrittweise zu eher projektorientierten Organisationsstrukturen anstelle von festen Hierarchien wechseln. Eine solche "Plattform"- oder "Gig-Economy" könnte zu mehr Unsicherheit und Zeiten unfreiwilliger Arbeitslosigkeit führen.

Die Herausforderung der Zukunft liegt in der Bewältigung der zunehmenden Ungleichheit infolge des technologischen Wandels, der durch den globalisierten Kapitalismus immer schneller sowohl Volkswirtschaften als auch Gesellschaften verändert. Solange das globale Wirtschaftssystem und die Globalisierung eine immer stärkere Vernetzung und globale Konkurrenz befördern, erzeugt der technologische Wandel Gesellschaften, in denen es Menschen gibt, die von dieser Transformation profitieren - und jene, die von ihr zurückgelassen werden. In den derzeitigen Diskussionen um die Zukunft der Arbeit finden sich Meinungen zwischen den Polen der Optimisten und Pessimisten: Studien von Frey und Osborn, McKinsey oder des World Economic Forums zeichnen ein düsteres Bild und prophezeien, welche Berufe mit welcher Wahrscheinlichkeit verschwinden werden. Andere Studien stellen die Digitalisierung eher als Chance dar und betonen die Schaffung neuer Berufsgruppen.

Die Digitalisierung verschärft neoliberale Tendenzen der heutigen Gesellschaft und sie befördert die Durchsetzung von Unternehmensinteressen gegenüber denen der Öffentlichkeit. Dies ist nicht überraschend. Die Unternehmen, die diese Technologien entwickeln und betreiben, sind oft Teil der Avantgarde der neoliberalen Agenda, wie Evgeny Morozov sagt. Es ist richtig, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze kosten wird. Richtig ist allerdings auch: Sie kann zu neuen besseren Arbeitsplätzen führen. Sie kann zu mehr Freiheit, Flexibilität und Wohlstand führen. Welche Zukunftsvision wahr werden könnte, hängt vor allem davon ab, ob Staaten die Kontrolle über Marktaktivitäten im Hochtechnikbereich aufrechterhalten können. Um erfolgreich zu sein, müssen Staaten Institutionen und Politiken finden, die domestizierte Märkte schaffen, in denen Innovationen im Sinne Schumpeters möglich sind.

Technologie ist weder schlecht noch gut – sie ist ein Werkzeug. Olaf Scholz hat recht wenn er sagt, dass dieses Werkzeug ein beeindruckendes Potenzial hat. Er hat allerdings umso mehr recht, wenn er darauf hinweist, dass unser Land dafür nicht weniger sozial werden müsse. Die politische Aufgabe besteht daher darin, die positiven Nutzungsmöglichkeiten der Digitalisierung zu verstärken und ihre negativen zu minimieren. Dann könnte aus der derzeitigen Illusion doch Realität werden.

Internationale Politik und Gesellschaft (IPG)