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  1. Seite 1 — "Umarme mich!"
  2. Seite 2 — Er sieht die Peiniger grinsen
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Firas Alshater ist rastlos. Fürs Interview zieht er seine Schuhe aus, schmeißt die Socken unter den Tisch, springt vom Stuhl auf. Läuft hin und her, holt Kaffee, eine Banane, sein Handy, bis er schließlich mit aufs enge Sofa rückt. Barfuß im Schneidersitz kommt der kleine runde Mann seinem Gegenüber so nah, wie es Fremde sonst nur in einem vollen Bus tun.

"Kannst du gerne duzen, kein Problemchen", beginnt der 25-jährige Syrer seinen Redefluss. Auffällig strahlen seine Augen über dem dichten Bart, einer brechenden Welle gleich entlädt sich alle paar Minuten ein Lachen in seine Sätze, egal, worüber er spricht.

Firas ist inzwischen Medienprofi. Bei ihm sind in diesem Jahr schon alle gewesen, von der Bild bis zur Süddeutschen, er war im Frühstücksfernsehen und bei Markus Lanz zu Gast. Internationale Medien sind zu ihm gereist. "Letzte Woche kam einer aus Taiwan, der hat ein cooles Paket Tee mitgebracht." Wenn Firas erzählt, redet er wie ein Erasmus-Student, der lieber mit den Einheimischen Spaß hat, als einen Sprachkurs zu besuchen. Auf gewisse Weise ist es auch so.

Hier, auf der Couch seines besten Freundes Jan, haben sich die letzten drei Jahre seines Lebens, die erste Zeit in Deutschland, abgespielt. Hier entstand das Video Wer sind diese Deutschen?, das auf YouTube Millionen von Klicks erzielte und ihn auf einen Schlag berühmt machte. Hier schlief er, wenn er es im Flüchtlingsheim nicht mehr aushalten konnte. Und hier, im verramschten Büro einer kleinen Filmproduktionsfirma im Plattenbau nahe dem Berliner Ostkreuz, hat er sein Buch geschrieben. Das erste, das ein Flüchtling in Ich-Form publiziert. Nicht in seiner Muttersprache, sondern auf Deutsch.

Ich komm auf Deutschland zu ist ein Produkt geworden, wie Presseabteilungen von Verlagen es lieben: Mit Humor schildert der Autor seine Ankunft in Deutschland. Auf muntere Weise führt er den Leser durch seinen Alltag und klärt über kulturelle Unterschiede auf. Deutsche Bürokratie, deutsche Grammatik, die Verwunderung darüber, dass man hierzulande Klopapier statt Wasser für "untenrum" benutzt, "Ey Berlin, bist du immer so kühl?", als Kommentar zum Wetter – es ist ein kumpeliger, flapsiger Sound, in dem Alshater schreibt. "Au backe!", "Mein Kopf ist Matsch", mit solchen Ausdrücken will er dem Leser nahekommen, und auch wenn Firas spricht, zeigt er, wie selbstverständlich das Deutsche für ihn geworden ist. "Leute, was geht ab?", ruft er am Anfang seiner Videos gut gelaunt in die Kamera, im Gespräch bringt er Wörter wie "Lohnsteuerjahresausgleich" unter oder stimmt spontan Helene Fischers Atemlos an.

 Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 13.10.2016. Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Es hat etwas Manisches, wie Firas auf Deutschland zugeht. Nicht minder besessen sind die Reaktionen auf ihn. Als er sich im Februar 2016 auf den Alexanderplatz stellt, um herauszufinden, wo auf dem Spektrum zwischen Pegida und Refugees-Welcome-Schildern sich der Normaldeutsche befände, geschieht zwar erst einmal gar nichts. "Ich bin syrischer Flüchtling. Ich vertraue dir – vertraust du mir? Umarme mich!", stand auf dem Zettel auf der Straße, neben dem er mit verbundenen Augen wartete (ZEIT Nr. 7/16). Irgendwann gab jemand Geld, schoss ein Selfie, dann passierte wieder nichts. Am Ende jedoch mündete sein Experiment in einen Umarmungsexzess. "Wenn die Deutschen mit etwas anfangen, dann hören sie überhaupt nicht mehr auf", kommentierte Firas seine Aktion damals, auf die er Tausende von Nachrichten im Internet erhielt, darunter kaum einen Hasskommentar. "Eigentlich bin ich ja gegen die Flüchtlingspolitik, aber du bist so lustig. Mein Freund hat das auch gesagt und der wählt AfD" – auf Reaktionen wie diese ist Firas stolz. "Clown Prince of Migrants" nannte ihn das Time Magazine, Firas war das ersehnte liebenswürdige Gesicht zwischen kühler Statistik und hysterisierten Debatten.

Auch jetzt, zum Erscheinen des Buches, wird er deshalb wieder für alle sprechen sollen. Darüber, wie "die" Flüchtlinge ticken, ob sie wirklich ihre Frauen unterdrücken und ob Integration klappen kann. "Das Wort Integration habe ich erst in Deutschland gelernt", schreibt Firas in seinem Buch, "Menschenrechte und Gleichheit kannte ich schon, bevor ich kam". Und: "Glaubt jemand ernsthaft, ein Flüchtling oberhalb der Debilitätsgrenze wäre nicht in der Lage, die Vorteile einer freien Gesellschaft zu sehen, ohne einen Kurs belegt zu haben?"

Flüchtlinge in Heimen unterzubringen sei für die Integration "ungefähr so sinnvoll, wie eine Tür auf eine Mauer zu malen". Einen Liter Milch am Tag pro Person, dafür keine stabile Internetverbindung und eine Toilette für hundert Menschen – fünfhundert E-Mails schrieb Firas, um aus dem Heim in eine kleine Wohnung in einem Plattenbau zu ziehen. Heute lebt er in Friedrichshain. Obwohl er Geld verdient und gerade angefangen hat, an der Filmuniversität Babelsberg zu studieren, steht Firas weiterhin vor bürokratischen Hürden und wartet auf die nächste Aufenthaltsgenehmigung.